Hybridit├Ąt

Hybridit├Ąt ist einer der Schl├╝sselbegriffe in der Debatte um Migration und Globalisierung der sich in seiner aktuellen Bedeutung in den letzten Jahrzehnten bildete. Der Begriff stammt urspr├╝nglich aus der Biologie, wo er eine 'Rassenmischung' oder botanische Kreuzung bezeichnet. Im 19. Jahrhundert wurde die Terminologie der Hybridit├Ąt erstmals auf den Menschen angewandt, in der Folge wurde der Begriff zu einer Standardreferenz im Vokabular des biologischen Rassismus.

 

Im Laufe des 20. Jahrhunderts aber vollzog sich eine bemerkenswerte Neusemantisierung des Konzepts, die mit seiner ├ťbertragung aus dem Bereich der Biologie in den Bereich der Kultur einherging. So bezeichnete der Chicagoer Stadtsoziologe Robert Ezra Park 1928 in seinem einschl├Ągigen Aufsatz zur Rolle des Immigranten in der amerikanischen Kultur, ┬╗Human Migration and the Marginal Man┬ź, den 'marginal man' als ┬╗kulturell hybride┬ź - randst├Ąndig sowohl in seiner Herkunftskultur als auch in der Neuen Welt. Schon bei Park deutet sich eine Neuwertung des Hybridit├Ątsbegriffes an, der nun nicht l├Ąnger als ausschlie├člich negativ begriffen wird - der hybride 'marginal man' steht f├╝r ihn in vieler Hinsicht f├╝r das kosmopolitische Individuum der Zukunft.

 

Diese positive Wendung im Verst├Ąndnis der Hybridit├Ąt findet sich auch in der Adaption des Begriffs durch den russischen Sprachphilosophen und Kulturwissenschaftler Michail Bachtin, der die Konzepte der 'intentionalen' und der 'organischen' Hybridit├Ąt pr├Ągte, um die M├Âglichkeit der Sprache zu beschreiben, durch Vermischungen und Kontraste gegenl├Ąufige Stimmungen zu erzeugen, so dass ein Text 'vielstimmig' wirken kann. Dieses Potential der Sprache wird von Bachtin als tendenziell politisch verstanden, weil es eine M├Âglichkeit darstellt, dominante Denk- und Repr├Ąsentationsmuster indirekt zu unterlaufen und zu konterkarieren.

 

Bachtins ├ťberlegungen wurden dann im Rahmen der postkolonialen Theorie und hier vor allem durch den Kritiker Homi K. Bhabha aufgegriffen und in der Folge ┬╗zusehends politisch und ideologisch aufgeladen, zum Element einer herausfordernden und antagonistischen Gegenkultur uminterpretiert┬ź (Ackermann, S. 148). Bhabha bezieht sich auf die Prozesse von - ungleichem - Kulturkontakt und Kulturaustausch im kolonialen Kontext. Die Kolonisierten greifen - bewusst und unbewusst Zeichen und Symbole der kolonisierenden Kultur auf und integrieren sie in ihr eigenes kulturelles Zeichensystem. Durch diese Aneignung entsteht ein hybrides┬╗Drittes┬ź (Bhabha spricht von einem 'dritten Raum' [third space]),das nicht ganz der kolonisierenden und nicht ganz der kolonisierten Kultur entspricht und zum Ausgangspunkt f├╝r eine kritische Distanzierung und f├╝r die Subversion der Kolonialkultur werden kann. In vieler Hinsicht gleicht die postkoloniale Verwendung des Begriffs der Hybridit├Ąt inzwischen der Begriffsverwendung von 'Synkretismus' - einem

 

Konzept aus dem religionswissenschaftlichen Kontext, das die heterogenen und inkongruenten Mischformen zwischenreligi├Âsen Traditionen bezeichnet (etwa wenn der haitische Voodoo-Kult westafrikanische Traditionen mit der katholischen Marienverehrung verbindet).

 

Letztlich stellt das Konzept der Hybridit├Ąt damit die Vorstellung einer 'reinen' oder 'essentiellen' Kultur wesentlich in Frage. Bhabha argumentiert im Einklang mit anderen postkolonialen Kritikern, dass alle Kulturen den kolonialen Kulturen insofern ├Ąhneln, als sie vermischt und heterogen sind, auch wenn der hybride Charakter der traditionellen europ├Ąischen Kulturen, die auf unver├Ąnderlichen Prinzipien von Rasse und Nation zu basieren vorgeben, weniger offen zu Tage tritt als die Hybridit├Ąt der Kolonialkulturen.

 

Quelle: Andreas Ackermann (2004): Das Eigene und das Fremde: Hybridit├Ąt, Vielfalt und Kulturtransfer, in: Friedrich Jaeger/J├Ârn R├╝sen (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften, Stuttgart: Metzler, Bd. 3: Themen und Tendenzen. S.139-150.