Islam in den Medien und die Bedeutung von Images

Das Thema Islam und viele weitere vermeintlich mit diesem Begriff zusammenhängende Begebenheiten und Problemaufrisse, genießen in der Medienberichterstattung eine vergleichsweise hohe Präsenz. Kaum eine Woche vergeht, in welcher nicht über die Gewalt, die sich im Dunstkreis des Islams und den Variablen des islamischen Glaubens ereignet, berichtet wird; ob Vergeltungs- oder Selbstmordanschläge in Palästina und Israel, die Durchsetzung theokratischer Strukturen im Iran, die inter-islamischen Kämpfe um Glaubensführerschaft zwischen Schiiten und Sunniten im Irak oder abstrakt die wachsende Bedrohung westlicher Industrienationen vor terroristischen Anschlägen von fundamentalen Islamisten, allesamt stellen sie Konflikte dar, die vielerlei Faktoren konventioneller Nachrichtenproduktion erfüllen. So besitzen konfliktreiche Themen im Mechanismus des Agenda-Settings per se eine höhere Valenz und finden ihren Weg in die inhaltliche Gestaltung westlicher Massenmedien.

Die Medienberichterstattung weist dabei mitunter eine starke Tendenz zu einer selektiven und stark fragmentarisierten Darstellung auf, welche dem Islam mitunter Charaktereigenschaften zuschreibt, die westlichen Vorstellungen von Menschenrechten, Aufklärung und Demokratie zuwiderlaufen und den Islam gänzlich als eine gewaltvolle Religion markieren. Der Islam wird dabei phasenweise gleichgesetzt mit islamischer Politik, mit Fundamentalismus und Terrorismus und mit einer dem Islam inhärenten politisch motivierten Gewalt, die aus ihren sozialen Kontexten gelöst zu sein scheint.  

Die stark allgemeinen Problemaufrisse resultieren dabei aus aktuellen politischen und gesellschaftlichen Problemen, welche der extremistische Fundamentalismus, die starre Dogmatik und die Intoleranz im Namen der Religion in den jeweiligen Gebieten und Ländern evozieren und das Verhältnis der westlichen Welt zur islamischen Welt belasten. Historisch gesehen, ist der Islam eine durchaus friedliche Religion mit Harmonie und Toleranzstreben, mit einem religiös-kulturellen System, dem knapp ein Fünftel der Menschheit angehört. Diese Elemente einer objektiven und differenzierten Bewertung unterliegen in der Medienberichterstattung allerdings häufig den radikalen Abspaltungen, die ihre Interpretation des Korans notfalls auch mit Gewalt zu institutionalisieren versuchen.

Der vermittelnde Journalist muss dabei zwangsläufig einen Wirklichkeitsausschnitt für seine Berichterstattung wählen; auf diese Weise erfolgt eine Konstruktion von Wirklichkeit, die der Realität mal mehr und mal weniger entspricht. Zusätzlich ist der Journalist in ein komplexes normatives Geflecht von Faktoren eingebettet, die seine Schaffensfreiheit begrenzen und determinieren; so befördern etwa die kulturelle Prägung, die Dimensionen des Ethno-Zentrismus und auch ökonomische Faktoren, wie bspw. die Effizienz der Nachrichtenproduktion, spezielle Darstellungsschemata, die auch bei der Berichterstattung über den Islam zur Anwendung kommen und als notwendige Schablone für den Produzenten herangezogen werden.

Auch die Rezipienten der Medienprodukte (wie etwa Leser, Zuschauer oder Hörer) greifen auf gewisse Schemata zurück, die kognitiv für die Bewertung und die Konstruktion von Wirklichkeit gebraucht werden. Der vom Journalisten vorab bereits stark fragmentarisierte Wirklichkeitsausschnitt wird auf diese Weise zwangläufig weiter begrenzt, sodass leicht Zerrbilder vom jeweiligen realen Ereignis entstehen können. Diese Reduktion von Komplexität mag zwar zu beklagen sein, sie ist für das Individuum jedoch notwendig, um Weltgeschehen einordnen und verstehen zu können; Realität wird für das Individuum sinnstiftend konstruiert. Bei Informationen, die dem bisherigen normativen Wesen des kognitiven Systems widersprechen, kommt es in der Regel dennoch nicht automatisch zu einer ‚Reaktualisierung’ des Informationsspeichers (wie etwa des Bildes vom Islam), solange die systemstabilisierenden Impulse nur hinreichend weiter gegeben werden.

Die Konstruktivität von Wirklichkeit offenbart an dieser Stelle ein ihr inhärentes Problem, welches die Bildung eines Image vom Islam entscheidend mitprägt und eine ‚korregierte’ Neumodellierung des Gedankeninventars zum Thema Islam erheblich erschweren.

Nun stellt sich Image also als ein duales Schemata emotiver und kognitiver Strukturen dar, das Menschen von einem gewissen Objekt entwerfen, so auch vom Islam. Die Konstruktion des Images, also die Zuschreibung von Eigenschaften des Objektes, erfolgt durch unmittelbare Wahrnehmung, durch Informationen anderer Personen oder durch die Medien. In dem Informationsspeicher rund um das jeweilige Image befinden sich folglich Elemente eigener und fremder Erfahrung, die eine soziale Konstruktion darstellen, an der sich der Einzelne orientieren kann.

In der internationalen Medienberichterstattung nehmen die Massenmedien als Sekundärvermittler primärer Sozialisation eine gesonderte Stellung innerhalb dieses Mechanismus ein. Sie bieten Inhalte an, die unserer eigenen Wahrnehmung geographisch schwer zugänglich sind und liefern so das Material, dessen Bewertung ein Image von Objekten, in diesem Fall vom Islam, entscheidend beeinflussen. 

Durch die Wahl der Tonalität bzw. allgemein durch die journalistische Gestaltung und Akzentuierung des Nachrichtenproduktes sind die Medien im Stande, „unser Islam-Image“ zu stabilisieren oder Veränderungen zu katalysieren. Einer Imagebildung kann man sich dabei kaum entziehen. Reflektiert man über gewisse Objekte oder Begriffe, so fallen einem automatisch einige Assoziationen und Gefühle ein, die das einzelne Objekt kennzeichnen und umrahmen; ein entsprechendes Image wird konstruiert.

Repräsentative Umfragen belegen, dass eine ĂĽberwiegende Mehrheit der Deutschen den Islam als eine Bedrohung wahrnimmt. In einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Allensbach (2004) scheint sich dieses ‚negative’ Bild klar zu verdeutlichen; 83 % der Befragten assoziieren mit dem Wort Islam Terror, 70 % eine direkte Gefahr fĂĽr die eigene Sicherheit.

Die Bedeutung des Begriffes Islam dient vielen hier zu Lande als Schlagwort, unter welchem innenpolitische Problemlagen wie Kriminalität, strukturelle Integrationsbarrieren und allgemein kulturelle Unterschiede subsumiert werden. Ähnlich sieht auch Poole (2000) die Konstitution eines globalen Islam-Images, in dem er eine monolithische Portraitierung konstatiert, auf eine allgemeine Homogenisierung der Muslime hinweist und das Ignorieren intrakultureller Unterschiede feststellt.

Einzelne historische Entwicklungslinien haben dabei möglicherweise einen Beitrag zur Konstruktion eines speziellen Images vom Islam geleistet und zu einer historisch bedingten Orient-Okzident-Dichotomie beigetragen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts werden die Reaktionen der westlichen Welt auf den Islam von einer radikal vereinfachten Denkweise dominiert, deren Basis eine drastisch polarisierte Geographie darstellt, welche die Welt grob in zwei ungleiche Teile teilt, den Orient und den Okzident. Den größten Teil des Mittelalters über und noch während der frühen Renaissance galt der Islam in Europa als eine ‚dämonische’ Religion. Realpolitisch stellten die militärischen Kräfte des Orients für den Westen über Jahrhunderte hinweg eine Bedrohung dar. Die arabische Eroberung Spaniens im 8. Jahrhundert und die 1492 einsetzende Requonquista, die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453), die Belagerung Wiens durch die Türken (1529 und 1683) oder die Kreuzzüge, in deren Rahmen vor allem durch die katholische Kirche massive Anti-Islam Propaganda durchgeführt wurde und der Islam als Aggressor gegenüber tradierten christlichen Werten positioniert wurde, haben über die Jahrhunderte Einfluss auf ein spezielles Bild vom Islam ausgeübt. Jüngste terroristische Anschläge in New York, London oder Madrid verstärken wohl demnach ein latent oder schon lange existentes Negativ-Image.

Verschoben haben sich wohl die Schwerpunkte der unvereinbaren Unterschiede: Aufklärung, Säkularisation und religiös geprägte Gesellschaft sowie Scharia und Menschenrechte.

Das Entwerfen von zum Teil der Realität widersprechenden Images ist keine negative Eigenschaft der Massenmedien, sondern vielmehr eine notwendige kognitive Technik, mit der komplexe UmwelteinflĂĽsse organisiert und verarbeitet werden. Das Image des Islams ist dabei, wie die Umfragen des Allensbach Institut gezeigt haben, starken Vorurteilen unterworfen, die mitunter durch die langen Zeitepisoden ihrer Entstehung manifestiert worden sind und deren Reaktualisierung bzw. Korrektur als tendenziell schwerfällig erscheint; vor allem wird es aber durch unausgewogene und undifferenzierte Medienberichterstattung stabilisiert. Nur allzu verständlich erscheint vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass viele in Deutschland lebende Muslime tendenziell ausländische Medien wie etwa die Zeitung „HĂĽrriyet“ bevorzugen; fĂĽhlen sie sich doch von ihrer inhaltlichen Ausprägung mitunter umfassender repräsentiert. Medien sind strukturell auf die Aufmerksamkeit eines potentiellen Publikums angewiesen. Da Aufmerksamkeit aber ein vergleichsweise flĂĽchtiges Gut ist, unterliegen die Medien einem kontinuierlichen Druck zu Innovationen und Aufrechterhaltung von Reizen, die Aufmerksamkeit generieren. Medienberichterstattung ist krisenorientiert und wählt Wirklichkeitsausschnitte, die bei der Konstruktion der Images maĂźgeblich beitragen. Eine mögliche Problemlösungsstrategie, die der Produktion eines Negativ-Images des Islams daher die Nachhaltigkeit rauben könnte, wäre wohl darin zu sehen, gezielt auf die Wirkungsmechanismen der Mediendynamik und Medienberichterstattung aufmerksam zu machen und so allgemein im Umgang mit Medien die Sensibilität zu steigern und auf diese Weise dem Islam zu einem ‚neuen’ und mit einem höheren Grad der Authentizität versehenden Image zu verhelfen, fernab von Gewalt und Terror.         

 

 Autor: Benedikt Dalkmann

 

Quellen:

Artikel: Vgl. Johannes PaĂźmann (2005), Islam in den Medien

Abbildung 1: Foto: RĂşa de Bagdad: www.igadi.org/guia_exterior/001/008_principai...

Abbildung 2: http://oe1.orf.at/highlights/71486.html

Abbildung 3: TĂĽrkische Tageszeitung "HĂĽrriyet", Nr. 128/22 vom 5. Juni 1993